The receptionists are waiting for you! Viljandi 2019

A sober waiting room with rows of empty chairs. A reception desk with forms, applications, questionnaires. You take a seat. You wait until your name is being called. You go to a room, you knock on the door, you hear a voice from the inside, you open the door, and then …

The Waiting Room opens spaces for encounters between strangers and plays with the rules of social meetings and everyday behaviour, with intimacy and participation. It’s a game, after all. Isn’t it?

The Waiting Room, initiated in 2010 together with Dmitry Paranyushkin, is a long-term site-specific project taking its starting point from edifices that organize the being together of humans in a specific way. Previous editions of the project have been devised for deserted office spaces, run down residential buildings, or former factories.

The Waiting Room, Berlin 2013

Ein Wartezimmer. Eine lange Reihe von Stühlen. Ein Empfang. Formulare, Anträge, Fragebögen. Man nimmt Platz, wartet, bis man an der Reihe ist. Dann wird man aufgerufen, und man klopft an eine der Türen. Dahinter erwartet der Gesprächspartner bereits seinen Gast. Man ist nun dran beim Sachbearbeiter oder Vorgesetzten, beim Interviewer oder Berater, beim Gastgeber oder Bittsteller, ohne zu wissen, was einen erwartet. The Waiting Room öffnet Räume für Begegnungen zwischen Fremden und spielt mit den darin aufblitzenden sozialen Regeln von Neugierde und Interesse, von Austauschen und Täuschen, von Verhalten und Verhandeln. Am Ende kehrt man immer wieder dorthin zurück, wo alles seinen Ausgang genommen hat: im Wartezimmer. Bringen Sie daher etwas Zeit mit, bis es heißt: Der Nächste bitte!

The reception of the Waiting Room, Berlin 2013

Warten heißt, Zeit zu überbrücken, bis das erwartete Ereignis eintritt. Gedanken nachzuhängen, aus dem Fenster zu schauen, jene Zeit, die man nun unweigerlich zur Verfügung hat (weil sie von jemandem genommen wird), anders zu nutzen, auszunutzen. Warten stellt die Frage nach Produktivität noch einmal neu, stellt Produktivität überhaupt in Frage. Jemanden warten lassen wiederum heißt, über jemandes Zeit zu verfügen, Erwartungen zu schüren auf ein Ereignis, dass ‚irgendwann’ eintreten könnte. Und genau die Unbestimmtheit des ‚Irgendwann’ öffnet die Zeit zwischen Warten und Erwarten als soziales Spiel.

Fotocollage_TWR_Leipzig_Photos by Katia Klose
The Waiting Room, Leipzig 2019

Für The Waiting Room arbeiteten Agullo, Paranyushkin und Stamer nicht zum ersten Mal zusammen: das Projekt wurde nach einer ersten Ausgabe im Oktober 2010 (Direktorenhaus Berlin) und einer zweiten Version im Juni 2012 (Kunstfabrik Flutgraben) zu verschiedenen Festivals und Konferenzen eingeladen. Das Interesse an verschiedenen Interviewsituationen hat die vier in Berlin lebenden Künstler zusammengebracht. Mit ihrer Frage, welche verschiedenen performativen und sozialen Bedingungen für Begegnungen hergestellt werden können, laden sie bislang andere Kollegen zur Teilnahme am Projekt ein.

The Polygraph room

Für uns war von Anfang an die Frage interessant, wie man Anlässe für Begegnungen mit Anderen schafft und diese dann entsprechend der Gesprächswünsche räumlich und situativ formatiert. Und zwar auf eine Weise, dass die Regeln für alle Beteiligten, Host und Gast, transparent sind. Es geht uns nicht um eine Zwangsbefragung oder Knechtung der Gäste, gleichzeitig will The Waiting Room aber auch nicht nur die Bequemlichkeit der Lounge bereitstellen, in welcher sich dann alle sowieso so verhalten wie immer.

Fotocollage__2_TWR_Leipzig_Photos by Katia Klose
The Waiting Room, Leipzig 2014

Entsprechend heterogen hängt das Projekt dann von den jeweiligen Einsätzen und Ansprüchen der die Räume und Begegnungsmöglichkeiten Gestaltenden ab. Die Beteiligten sind unterschiedlich an der Installation verschiedener Rahmen-Set-Ups interessiert, die als Bedingungsgefüge dann auch vom Sozio-Performativ gefüllt werden müssen: keine Begegnung ohne ‘soziales Theater’ und den damit einhergehenden Vorurteilen, Erwartungen, Gefühlen und Verhandlungen. Und mit diesen mitgebrachten, aber auch vorhandenen Einstellungen und Erwartungen will das Projekt ernsthaft spielen. Indem wir selbst den Rahmen ernst nehmen, den wir herstellen und die Regeln, die wir setzen, befolgen, diese aber auch durchlässig für alle Beteiligten haben. Man kann Regeln beugen, aber nicht brechen, denn dann ist das Spiel zu Ende. Mitspielen heißt damit, die Regelsetzung zu erkennen und an dieser entlang ins Spiel einzutreten, ohne dabei nur zu einer Spielfigur zu werden, sondern vielmehr den Rahmen, der durch das Dispositiv gesetzt wird, mit Verhalten und Spiel zu füllen.

TWR_Leipzig_House
Preparing the waiting room for Leipzig, 2014

Zwischen Warten und Erwarten gibt es spätestens seit Kafkas Vor dem Gesetz eine unauflösliche Spannung, die das Phänomen der Moderne als nach-eschatologisch und damit als heillos verloren markiert. Becketts Warten auf Godot, wenn man so will der moderne Klassiker des Wartens, kann dem sinnlosen Ganzen der Existenz noch ein wenig Humor abgewinnen, während Sartre in Huis Clos nur noch die Hoffnungslosigkeit des gemeinsamen Wartens als Hölle beschreiben kann. Warten bedeutet in der Moderne also nichts Anderes als das Verbringen von Zeit, ohne dass dieser Zeit Sinn eignet. Diese kulturellen Referenzen spielen allesamt ein wenig in The Waiting Room hinein, ohne explizit aufgegriffen zu werden. Sie bilden das Hintergrundrauschen.  Warten wird als eine Tätigkeit angesprochen, in welcher man auf sich selbst zurückgeworfen wird. Die Zeit, die gemeinhin als unproduktiv wahrgenommen wird, zu füllen – oder auch nicht, wenn man Warten als etwas, das sich selbst ereignet, versteht. The Waiting Room organisiert in diesem Zusammenhang eine Ökonomie des Wartens, welche, wenn sie gut funktioniert, genau an jener Linie zwischen der Praxis des Wartens und der Hoffnung auf Erwarten auf den Eintritt eines Ereignisses interessant wird.

The Waiting Room in Viljandi, 2019

Check out this review of the June 2012 event.

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A project by Diegò Agullo and Peter Stamer; Presented at Direktorenhaus Berlin, Flutgraben Berlin, Tanznacht Berlin 2012, Agora Collective Neukölln 2013, degrowth conference Leipzig 2014, Notafe Viljandi 2019