Ein vierwöchiges Stadtprojekt in Peking

The Beijing Apartment. Installation at Tanzquartier Wien, 2006

Im Mai 2006 realisierten Daniel Aschwanden und Peter Stamer in Peking ihr vierwöchiges Stadtprojekt ‚Head Room’, das die Grenzlinien von privatem und öffentlichem Raum auslotete. Neben der Kuratierung von Gesprächs- und Diskursreihen besuchten sie vom Wanderarbeiter bis Generalmanager sieben Pekinger und bauten deren Wohnungen in je einer auf den Schultern tragbaren Box nach. In diese ‚Kopfräume’, in welche je zwei Menschen ihre Köpfe stecken konnten, lud der jeweilige Gastgeber ihm unbekannte Passanten zu privaten Gesprächen mitten in Peking ein.

Sieben Boxen, Dokumentarvideos, Tonaufzeichnungen und Geschichten, allesamt während ‚Head Room’ zusammengetragen, bildeten den Ausgangspunkt für die Installation ‚Chinese Whispers’ – The Beijing Apartment’. Aschwanden und Stamer haben dafür die Boxen zu einer fiktiven Pekinger Wohnung zusammengehängt. In den Boxen, die noch die Spuren ihrer Benutzung aus dem Stadtraum tragen, resoniert das kaum hörbare Geflüster der in der Pekinger Öffentlichkeit geführten privaten Gespräche. Die Wohnung eröffnet den Ausstellungsbesuchern einen Imaginationsraum über ein merkwürdig vertraut erscheinendes Fremdes.

Der Titel Chinese Whispers, der im Englischen soviel wie ‚Stille Post’ bedeutet, spielt daher mit der Frage, inwieweit Kommunikation mit dem Anderen möglich ist. Denn wer spricht hier eigentlich chinesisch? Auf jeweils eine Außenseite der Boxen sind sieben Dokumentationen projiziert, auf welchen die urbanen Interventionen der Pekinger Gastgeber zu sehen sind: der Künstler Shu Yang an einer Bushaltestelle in Chaoyang, die Rechtsanwältin Pang Benzhen im postmodernen Geschäftsviertel Soho, die schon lange in Peking lebende Journalistin Gwynn Guilford am städtischen Houhai Lake, der Arbeiter Wang Feng auf dem Markt vom Dashanzi Viertel, der Professor CS Kiang auf dem Beida-Campus der Peking Universität, der Manager Chen Xing Yu auf einer Shopping Mall im Süden Pekings, die Buchhalterin Zhang Han im Nanluoguxiang Hutong, Dongcheng.


Das Kunstprojekt ‚Head Room’, während des Pekinger Kunstfestivals DIAF im Dashanziviertel zwischen dem 1. und 20. Mai 2006 verwirklicht, sollte sich spezifisch mit den lokalen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen im zeitgenössischen China auseinandersetzen. Wenn die ökonomische Oberfläche in China anderen Gesetzmäßigkeiten gehorcht als in Europa, was bedeutet es dann, in diesem Zusammenhang Kunst zu produzieren? Zudem ‚Kunst’ von Menschen, die nicht in dem Land leben, sondern die aus Europa kommend intervenieren? Es wäre daher naiv zu glauben, mit künstlerischen Eingriffen die gegebene kulturelle Situation auch nur annähernd erfassen zu können, geschweige denn andere ethische Optionen vorschlagen zu wollen. Was uns vielmehr von Anfang an interessiert hat, war die Schaffung einer Plattform, auf welcher Menschen sich begegnen können. Wir wollten in unseren Interventionen Kontakträume herstellen, in welchen Austausch möglich sein sollte.

In unserem Verständnis von (zeitgenössischer) Kunst stehen Objekte, Diskurse, Interventionen, Gespräche in ihren Aussageleistungen und in ihren Wahrnehmungspotenzialen gleichwertig nebeneinander; sie haben weniger Tauschwert als vielmehr Gebrauchswert. Für uns kann es nicht das privilegierte Kunstobjekt geben, das alles zu sagen in der Lage ist. Vielmehr müssen wir die Kontexte mitsagen und -zeigen, die praktischen und diskursiven Bedingungen, unter welchen die Aufführung, das Kunstwerk, der künstlerische Prozess zustande kommen. Das Parergon bestimmt damit das Werk, die Rahmenbedingungen produzieren und ermöglichen die ästhetische Wahrnehmung und Rezeptivität des Prozesses als solchen. Diese Bedingungen sind nicht nur abhängig von internen künstlerischen Entscheidungen, sondern vor allem vom extern gegebenen kulturellen Umfeld, in welchem die Kunst entstehen soll und in welches die Kunst eingreifen will.

It could be in a market, a hutong, a park or any other public place in Beijing that you bump into a peculiar scene: facing each other, two people are standing with a big light blue box on their shoulders that covers both their heads. How do you respond on these headless bodies who engage a one-to-one conversation inside?

This box is not just a box, but a reproduction of one of the interlocutors’ most favourite rooms of their own houses, inviting by-passers in Beijing streets to become guests of this very Head Room. In the course of three weeks, seven hosts – with very different backgrounds except for the city they live in – stage seven boxes and by this seven urban interventions in a public space.

Being a container of difference, Head Room plays an unusual role in an everyday life city scene. Entering a Head Room home box means interfering in the very private universe of one of the hosts in the middle of the streets of Beijing. A new physical and mental experience that prompts shyness, scare, curiosity, doubt or vigilance of both guest and host. Reaching the core of people’s daily lives, Head Room demolishes social borders, blurs assumptions about the other and stages both a private public space.

Exposing active bodies in a small moving world, Head Room is both an artistic process and public event the rules of which have to be negociated every time from anew, relying on a shared social encounter. By this, both its concept and its interventions seem to embody a spirit of democracy in arts since the experience and ideas of individuals have to be respected.

The project starts off from a Western point of view on contemporary China without wanting or being able to refrain from this different perspective. And yet, touching cultural borders during the three weeks of residence, Head Room renders visible the social context in which the interventions, talks, and encounters are embedded. Together with the evening long Archive Talks where international scientists, architects, artists, journalists, and everyday people gathered to share their points of view on contemporary China, the project does not only conjure a head into a box that forms a room, but it is also a real brain storm of thoughts.

A Brainstorm from the Head Room by Qing Qing, dance critic, Beijing

Was sind die Bedingungen, die das kulturelle Zusammenspiel von öffentlichem und privatem Raum bestimmen? Aufgrund der gegebenen Machtstrukturen gibt es in Peking aus unserer Wahrnehmung heraus kein demokratieverträgliches Konzept von öffentlichem Raum. Dieser ist Transit, man benutzt ihn, um von einem Ort zum anderen zu kommen, man hält sich aber nicht darin auf. Das hat zum einenmit Tendenzen zu tun, die auch im ‚Westen’ allzu bekannt sind, öffentlichen Raum über Aneignungen und Markierungen von Eigentumsverhältnissen einzuschränken. Zum anderen aber gilt öffentlicher Raum in China als polizeilich hoch kontrolliert, um öffentliche Meinungsäußerungen und -bildungen überwachen zu können. Carol Lu, eine Kuratorin und Kunsttheoretikern, die wir in Peking getroffen haben, brachte es so auf den Punkt: „Public space is politically powerless.“ Der öffentliche Raum kann vom Staat so organisiert werden, dass er zum Instrument der Regierungsmeinung wird. Während der zeitgenössische westliche Diskurs davon ausgeht, dass Raum nicht einfach ein Gegebenes ist, sondern ein von verschiedenen Bedingungen aufgezogenes Gefüge, das sich als dynamisches Produkt von Verräumlichung ergibt, wird in Peking Raum als eine statische Ansammlung von Punkten behauptet, deren Dynamik geradezu unterbunden werden soll.

Das Projekt ‚Head Room’ verstand sich nun als eine urbane Intervention, welche die für Peking spezifischen Umgangsweisen mit Körperbildern und visuellen Codes sichtbar machen wollte. Worin liegen mögliche Differenzen, worin zeigen sich Ähnlichkeiten in der kulturellen (Bild-)Produktion zwischen ‘Europa’ und ‘China’? Als Ausgangspunkt versuchte sich ‚Head Room’ daher mit den lokalen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen auseinanderzusetzen und nahm das sich im städtischen Raum vollziehende Wechselspiel zwischen Privatem und Öffentlichem in den Blick. Das Projekt wollte damit viele lokale Plattformen schaffen, auf welchen Menschen ihre urbanen Kommunikations- und Körpererfahrungen teilen und sich begegnen können.

Im Rahmen von ‚Head Room’ versuchte der Einsatz von ‚Home Boxen’, den städtischen Raum zu dynamisieren. Das Konstruktionsdesign der vor Ort hergestellten Boxen haben wir bei dem in Peking arbeitenden französischen Architekten Stéphane Derveaux in Auftrag gegeben; sie sollten gleichzeitig
leicht und stabil sein und unserem Einsatzprofil entsprechen: In die, auf den Schultern von zwei sich gegenüber stehenden Personen tragbaren Schachteln lädt ein Gastgeber je einen Gast zum Gespräch ein. Die beiden Diskutanten stecken allerdings nur ihre Köpfe in die Box, während ihre Körper im Freien bleiben. Sind ihre Köpfe von außen unsichtbar, so sehen die Augen der beiden in dem ‚Head Room’ steckenden Menschen nur das Gesicht ihres Gegenübers. Lassen sie ihren Blick in der Box wandern, so erkennen sie auf den Innenseiten der Box das abfotografierte Panorama des Lieblingszimmers des Gastgebers. Die eigene Home Box wird räumlich wie auch szenografisch ein portables Modell von Zuhause, ein Kopfkino, wenn man so will. Die visuellen Fernsinne sind getrennt vom Nahsinn des Körpers, was Gastgeber und Gast des ‚Head Rooms’ sehen und sprechen, steht außerhalb der Sichtbarkeit und Hörbarkeit des Außen und umgekehrt. Während das Set-up der Home Boxen einen sichtbar unsichtbaren, privaten Raum in einem öffentlichen kreiert, wurden im abendlichen ‚Base Camp’ die Dimensionen von kulturell konstruierter ‚Sichtbarkeit’ und ‚Unsichtbarkeit’ in weiteren Diskursformaten und Medien in den Blick genommen. In einem rund um die Uhr zugänglichen Studio haben wir Filme zum Thema der Konstruktion des Öffentlichen und des Privaten in China und Europa präsentiert. Z.B. gibt es nach neuesten Erhebungen in ganz China ca. 5.000 Kinos mit etwa 10.000 Leinwänden, in Peking sind es nur einige wenige. Nach der Kulturrevolution und der technischen DVD-Revolution, was für eine Ironie, ist der öffentliche Raum Kino politisch nahezu bedeutungslos, da die Bildrezeption fast ausschließlich im Pantoffelkino des Wohnzimmers erfolgt. Neben von chinesischen Filmemachern wie Wu Wenguang kuratierten Filmabenden, die sich aus einheimischer Sicht mit der Themenstellung auseinandersetzen, haben wir aus europäischer Perspektive ein Filmprogramm aus Kurz-, Spiel- oder Dokumentarfilmen wie auch Kunst- oder Homevideos zusammengestellt.

Uns hat dabei interessiert, ob sich die Abbildungspraktiken und Bildcodes angesichts einer sich globalisierenden Welt mittlerweile (noch immer) unterscheiden und wenn ja, wie sich diese Differenzen zwischen Europa/Amerika und China niederschlagen. Welche Idee von Privatheit/Öffentlichkeit spiegelt sich in den diversen Filmen, was tragen sie zu ihrer Konstruktion bei?

Daneben haben wir in verschiedenen disziplinären Annäherungen öffentliche Gespräche, Impulsreferate und Diskussionen programmiert, die sich mit der Fragestellung der Konstruktion von Öffentlichkeit, Un/Sichtbarkeit, kulturelles Innen/Außen auseinandersetzen. Die mit Rem Koolhaas in Peking arbeitende Architektin Anu Leinonen hat unter dem Titel ‚What’s Urbanism’ ein Panel zusammengestellt, das stadtplanerische Entwürfe für ein ‚postmodernes’ Chinas diskutierte, in welchem die Konstruktion von öffentlichen Räumen durch Europäer eine Rolle gespielt hat.

Georg Blume, der langjährige Korrespondent u.a. von ‚Die Zeit’, sollte den Zusammenhang von öffentlicher/veröffentlichter Meinung in China beleuchten. Der Künstler Shu Yang sprach über den Einfluss künstlerischer Interventionen auf die Wahrnehmung von Künstlern. Daneben haben wir einen Rechtsanwalt besucht, der Demonstranten von Tiananmen verteidigte, wir hatten Landarbeiter zu Gast, die ein Dokumentationsprojekt über ‚Self Governance’ mitgestaltet hatten, ein Soziologe beleuchtete den Zusammenhang von Kunst und Gesellschaft usf. Zusätzlich luden wir jeden Abend zu gemischten Gesprächsrunden in unser Base Camp, zu welchen sich Vertreter aus verschiedenen Disziplinen, Architekten, Künstler und Ausstellungsbesucher einfanden.

Die Installation ‘The Beijing Apartment’ wurde produziert von Tanzquartier Wien im Rahmen der Aufführung des Live-Radiohörspiels ‘Chinese Whispers’. Das Projekt ‘Head Room’ Beijing wurde von theatre in motion/Els Silvrants produziert, mit Unterstützung von Austrian Cultural Forum Beijing.